Pflegewissenschaftliches Verständnis von Pflegebedürftigkeit
Pflegebedürftigkeit stellt ein multifaktorielles Geschehen dar. Die Ursachen
sind vielfältig und können nicht immer von der einzelnen Person beeinflusst
werden. Pflegebedürftigkeit weist verschiedene Dimensionen auf:
Soziale Dimension: Pflegebedürftigkeit kann nicht nur bei den betroffenen
Personen zur Isolierung führen. Die Versorgung pflegebedürftiger Personen
wird in der Regel von Angehörigen geleistet, vor allem von Frauen (Töchter,
Ehefrauen etc.). Dies kann geschehen aus dem Bedürfnis, von der pflegebedürftigen
Person in der Vergangenheit erhaltene Zuwendung (Ehe, Erziehung) „zurückzugeben“.
Auch kann eine Motivation das Erhalten von Lob, Zuwendung und Belohnung sein
(durch die betroffene Person oder das nähere Umfeld). Die pflegebedürftige
Person selbst kann sich selbständig kaum vor sozialer Isolierung bewahren,
wenn die Mobilität oder andere körperliche Beeinträchtigungen
ein Verlassen der Wohnung nicht zulassen. Die Wohnung aufsuchende Menschen sind
oft das einzige Bindeglied zur Welt „dort draußen“ (Angehörige,
Pflegedienst).
Ökonomische Dimension: Pflegebedürftigkeit ist teuer. Eigenmittel
sind in oft nicht geringer Menge aufzuwenden. Da das Risiko, pflegebedürftig
zu werden, ab dem Rentenalter stetig stärker zunimmt und entsprechendes
Einkommen außerhalb von Rentenbezügen zumeist nicht vorliegt, kann
Pflegebedürftigkeit zur Verarmung führen. Die Kosten für Pflegeleistungen
sind auch in Deutschland nicht vollständig durch die Pflegeversicherung
abgedeckt.
Psychische Dimension: Die Erfahrung, pflegebedürftig zu werden, ist eine
existenzielle Erfahrung für Menschen. Ist es bereits für den „normal
alternden“ Menschen eine Belastung, Veränderungen des Körpers
und damit der Attraktivität und Leistungsfähigkeit zu beobachten,
so können die immensen und dauerhaften Einschränkungen durch Pflegebedürftigkeit
eine lebensentmutigende Auswirkung haben.
Gesellschaftliche Dimension: Das Risiko, pflegebedürftig zu werden, ist
für jeden Menschen vorhanden. Aufgrund der Entwicklungen der letzten Jahre
ist deutlich geworden, dass unterstützende und kompensatorische Pflege
Geld kostet, egal ob sie in der eigenen Wohnung oder in einer pflegenden Institution
(Altenheim) erbracht wird. Entsprechende Geldreserven sind dafür anzulegen
(Versicherung). Wissenschaftliche Studien führen zu Erkenntnissen, was
jeder Einzelne dazu beitragen kann, das Risiko von Pflegebedürftigkeit
zu minimieren. Dies betrifft nicht nur alte Menschen, sondern jeden. Es ist
deutlich, dass eine aktive und gesunde Lebensführung das Risiko vermindern
kann. Hierzu sind neben staatlichen Förderprogrammen Initiativen in den
Städten und Gemeinden erforderlich, um ein Bewusstsein für die Problematik
zu schaffen.
Verschiedene pflegewissenschaftliche Projekte versuchen Möglichkeiten zu
finden, wie das Risiko, pflegebedürftig zu werden, minimiert und wie das
Eintreten von Pflegebedürftigkeit hinausgezögert werden kann. Es wird
untersucht, wie die Leistungen der Pflege in einem realistischen Maß entgolten
werden können, da auch die Leistungen der deutschen Pflegeversicherung
noch nicht die realen Notwendigkeiten abbildet.
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